Bauen und Resonanz

Interview mit Bettina Plattner

Mar 27 2023
Zwischenbericht und Aussicht nach dreijähriger Bauzeit am Hotel Maistra. Die Eröffnung findet am 17. November 2023 statt. Im Interview spricht Bettina Plattner über die erreichten Milestones, Highlights und Learnings. Zudem gewährt sie einen interessanten Einblick in den Bauprozess und die Philosophie hinter dem Maistra160.

Interview mit Bettina Plattner

Mar 27 2023
Zwischenbericht und Aussicht nach dreijähriger Bauzeit am Hotel Maistra. Die Eröffnung findet am 17. November 2023 statt. Im Interview spricht Bettina Plattner über die erreichten Milestones, Highlights und Learnings. Zudem gewährt sie einen interessanten Einblick in den Bauprozess und die Philosophie hinter dem Maistra160.

Die Bauarbeiten am Hotel Maistra dauern nun fast schon 3 Jahre. Ende 2022 konnte die Aufrichte mit allen Beteiligten gefeiert werden. Was waren Eure persönlichen Milestones dieser intensiven Zeit? Welche Erfahrungen bleiben in Erinnerung?

Bettina Plattner: Genau. Im Mai vor drei Jahren sind wir mit dem Bau gestartet. Aus dieser Zeit ist mir die Baugrube in starker Erinnerung geblieben – ein sehr tiefes, grosses, imposantes Loch. Die Erstellung des Rohbaus forderte viel Geduld. Trotz der Unsicherheiten betreffend Lieferzeiten und Materialengpässen sind wir gut davongekommen, da die Baumaterialien für das Fundament schon bestellt waren. Eine Zuspitzung erfuhr die Lage mit dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine. Glücklicherweise gab es abgesehen von längeren Lieferzeiten dann zum Glück keine grossen Probleme.

Die tolle Zusammenarbeit mit den Baumeistern Seiler und Costa unter der Leitung von Paolo Crameri und Gianni Agosti, dem Polier, während dem gesamten Rohbau, werden wir nicht vergessen. Ihre Motivation, Verlässlichkeit und Verfügbarkeit waren einfach einzigartig. Von Beginn an herrschte eine sehr gute Stimmung auf der Baustelle. Das ist bemerkenswert. Dies zeigte sich auch am Aufrichtfest mit der gesamten Arbeiterschaft Ende Oktober 2022 – insgesamt waren über 150 Leute anwesend. Das war ein wunderschöner Moment!

Heute sind die Arbeiten weit über den Rohbau hinaus am Laufen, wir befinden uns mitten im Innenausbau und in der Planung der Möblierung. Ein besonders faszinierendes Thema ist der Aufbau des Terrazzo-Bodens. Mitte Januar haben die Arbeiten im Erdgeschoss unter der Leitung von Christian Aubry und Lucrezia Zanetti begonnen, und diese werden rund vier Monate dauern. Tagtäglich sehen wir die rund neun Leute des Teams auf den Knien arbeiten – Steine auswählen, Steine waschen, Steine setzen. Erst ganz am Schluss wird der Boden abgeschliffen und die Schönheit des Terrazzo kommt zum Vorschein. Dies alles geht weit über das normale Bauen hinaus, es ist Baukunst. Unseres Wissens entsteht im Hotel Maistra der erste und einzige Terrazzo aus Gestein vom Bernina. Eine grossartige Geschichte!

Als engagierte Bauherren seid Ihr sehr nahe am Prozess und gestaltet das Projekt mit Architekten und weiteren Beteiligten aktiv mit. Wie funktioniert diese Zusammenarbeit? Was habt Ihr gelernt? Was bleibt positiv zurück, und gibt es auch Pain Points?

Wir hören immer wieder, dass wir unglaublich engagiert seien. Richard und ich können es uns aber nicht anders vorstellen. Für uns ist es unvorstellbar, als Investoren einfach ein Hotel bauen zu lassen. Es geht für uns auch um die Verwirklichung unseres Traums. Unser Engagement erachten wir als normal, zumal wir auch Hoteliers sind. Die Zusammenarbeit mit Architekt Gion A. Caminada funktioniert sehr gut. Wir sind bereits seit 2017 gemeinsam am Arbeiten – das sind sechs Jahre, also lange vor dem eigentlichen Spatenstich. Der Architekt hört auf uns, und wir hören auf den Architekten. Er involviert uns in den Prozess des Bauens und wir ihn in unsere Konzeptvorstellungen. Es ist für uns beide eine bedeutende Erfahrung. In vergangenen Projekten wie beim Saratz oder beim Hotel Castell wurden jeweils die Vision und Strategie vorgegeben – im Sinne von «Architecture follows Vision». Beim Hotel Maistra ist es ein ganz anderer Prozess. Architektur, Vision und Konzept entwickeln sich gemeinsam und gleichzeitig. So wird die Architektur ein Teil des Konzepts. Viele Gedanken von Architekt Caminada sind in die Weiterentwicklung unserer Ideen geflossen und umgekehrt unsere Vorstellungen in die Architektur. Wir sehen dies als grosse Chance für unser Hotelprojekt.

Über die gesamte Zusammenarbeit hat sich mit der Zeit der Schlüsselbegriff «Resonanz» bei uns manifestiert. Auch in Publikationen über die Entwicklung des Tourismus taucht das Wort neuerdings immer wieder auf. Resonanz bedeutet auf der gleichen Frequenz schwingen, in Beziehung treten, Antwort bekommen. Dies umfasst sowohl den Austausch von Mensch zu Mensch als auch zwischen Baukörper und Mensch. Resonanz ist in der Architektur ein wichtiger Begriff. Architektur ist nicht rein funktional, sondern wirkt auf den Menschen – löst Wohlbefinden aus, Inspiration, Stimmungen. Resonanz prägt den Führungsstil von Richard und mir selbst wie auch jenen von Irene und Martin Müller als gewählte Direktion. Er ist geprägt von der guten Beziehung zu Mitarbeitenden und Gästen, zu Partnern und zum Freundeskreis. Erst mit der Zeit haben wir verstanden, wie alles zusammenpasst und seinen Weg findet. Die Zusammenarbeit mit Gion A. Caminada ist wirklich sehr bereichernd und positiv.

Natürlich gibt es auch Pain Points. Nein, eigentlich ist es nur einer. Gion A. Caminada hinterfragt alles.
Er sagt immer: «Wenn wir eine Idee haben, müssen wir sie zuerst zerstören, und dann bauen wir sie von Grund auf neu auf.» Das braucht viel Zeit … und es braucht Gespräche. Immer wieder schickt er uns zurück auf Feld 1. Das braucht Nerven. Als Folge davon ernten wir dann Sorgfalt, Schönheit und Qualität. Caminada hat uns ganz am Anfang gesagt: «Ihr müsst durchhalten bis zum Schluss.» Das fordert, aber wir halten gut durch. Jetzt, wo die Eröffnung näher rückt, denken wir oft: «Wir müssen nun vorwärts machen» … und versuchen, die Entscheidungen zu beschleunigen. Ja. Auch der Architekt macht vorwärts, lässt sich aber nicht wirklich beschleunigen. Weil er keine Kompromisse eingehen will. Weil für ihn nur die beste Option in Frage kommt! Am 17. November 2023 wird Maistra eröffnet. Gion A. Caminada spürt, dass wir drängen, und wir spüren, dass er an seinem Tempo festhält. Beide Seiten verstehen die Beweggründe der anderen. Somit ist eigentlich alles voll okay.

Wie nahe an der ursprünglichen Vision ist das Hotel Maistra?

(Überzeugt) Total nahe! Näher als je zuvor. Es ist ganz, ganz nahe. Unsere Vision hat sich durch
die gemeinsame Entwicklung von Konzept und Bauen, was Hand in Hand geht, immer stärker herausgeschält und bestätigt. Sie hat mehr Substanz bekommen. Neue Inhalte haben die ursprüngliche Vision noch aufgeladen. In der ganzen Zeit haben wir nie den Faden verloren. Die Architektur hat sich in die Vision eingeschlichen.

Das Hotel ist alles andere als alltäglich und wartet mit einigen konzeptionellen und baulichen Überraschungen auf. Worauf freut Ihr Euch besonders?

Was abgesehen von der Architektur als Ganzes wirklich besonders ist, sind die ganzen Geschichten rund um den Stein: der Terrazzo, aus verarbeitetem Gestein aus dem Bernina-Gebiet, der Bodio Nero aus dem Tessin für die Säulen und die Bodenplatten auf der Terrasse, die lokalen Steinpigmente, die das Farbkonzept bestimmen, das daraus entstandene Projekt mit der Maistra Schmuckkollektion aus Jade, der Arzo – ein Schweizer Marmor – der am Grund des Hotel Maistra im Spa-Bereich verbaut wird: Dort, wo die Ursprungsidee zur Architektur entstanden ist. Auch daraus entstehen wieder Produkte, die dann im «Maistra Concept Store» verkauft werden. In dieser Konsequenz ist das sicher etwas Besonderes. Weiter möchte ich die Anlehnungen an die Zeit der Grand Hotels erwähnen. Die Säulen, der Terrazzo, die aufwändig gestalteten Kassettendecken, der Arvensaal, die roten Läufer in den Hotelgängen, die grossen Blumenmotive an den Decken der Zimmer, der dezente Einsatz von Messing.

Spektakulär wird der Spa-Bereich mit Atrium und Kreuzgang, der sich, zum Himmel geöffnet, im Untergrund über drei Etagen erstreckt. Hier wirken die Elemente. Es regnet und schneit auf die mit Arzo ausgekleidete Piazza im Spa-Bereich. Das Hotel Maistra wird eine kuratierte Bibliothek haben, die Creative Box und einen bunten Concept Store. Auf all dies freuen wir uns sehr.

Die Eröffnung des Hotels ist auf Mitte November 2023 geplant. Welche Herausforderungen gilt es noch zu meistern?

Im Moment planen und bereiten wir die Bestellung der gesamten Inneneinrichtung vor. Wir sind etwas misstrauisch, was die Lieferfristen betrifft, weshalb wir alles bis Anfang Mai abschliessen wollen. Beim Innenausbau wurden alle Aufträge und Vergaben erteilt. Nun geht es um die termin-gerechte Umsetzung. Wir sind froh, dass wir seit einiger Zeit zu viert sind und tauschen uns in allen materiellen und konzeptionellen Fragen mit Müllers aus. Wir sind sehr zuversichtlich. Müllers haben auch bereits mit der Einstellung von Mitarbeitenden und der Planung der Team Fashion begonnen. Das Team im Maistra160 wird rund 40 Leute umfassen – 15 davon konnten wir bereits verpflichten. Anfang Sommer starten wir dann mit einer Kampagne. Das Umfeld in der Hotellerie zeigt sich zurzeit schwierig, wir sind aber zuversichtlich, dass wir alle Stellen besetzen können.
Parallel zum Hotel befindet sich auch das Maistra Mitarbeiterhaus, die Chesa Curtinella, am Ausgang von Pontresina im Bau. Auch dies ist eine gut laufende Baustelle mit guter Bauleitung und einer super Architektin. Damit alles gleichzeitig im November eröffnet werden kann, braucht es viel Koordination, und es darf nichts Gravierendes dazwischen kommen. Es gibt keinen Spielraum.

Die mangelnden Fachkräfte in der Hotellerie sind gerade ein schwieriges Thema. Wie geht das Hotel Maistra damit um?

Ein grosser Wettbewerbsvorteil ist, dass wir ein ganz neues und sicher spannendes Hotel eröffnen. Sowohl wir selbst als auch die Hotelführung mit Irene und Martin Müller sind bekannt für eine gute Führungs- und Mitarbeiterpolitik. Das Thema Talent-Management, Benefits für Mitarbeitende und Förderung von Talenten entwickeln wir viel bewusster als früher und kommunizieren es entsprechend. Insgesamt können wir – auch dank dem modernen Mitarbeiterhaus Chesa Curtinella - eine hohe Arbeits- und Lebensqualität hier in Pontresina anbieten. Ich wüsste nicht, was wir sonst noch machen könnten.